Was im Schrank stehen muss, damit spontanes Kochen ohne Einkauf funktioniert.
Die meisten Anleitungen zum Einkochen setzen einen kühlen, dunklen Raum voraus. Den hat kaum jemand — und trotzdem funktioniert das meiste davon.
Im September kostet ein Kilo Zwetschgen auf dem Markt einen Bruchteil dessen, was im Februar dafür verlangt wird. Das ist der ganze Gedanke hinter dem Einkochen, und er ist so alt wie das Verfahren selbst: Man kauft, wenn es viel gibt, und isst, wenn es wenig gibt.
Nur setzen fast alle Anleitungen dazu etwas voraus, das in einer Stadtwohnung nicht existiert — einen Keller. Kühl, dunkel, gleichmäßig temperiert, mit Regalen bis unter die Decke. Wer stattdessen eine Wohnung mit Heizung unter der Fensterbank hat, liest solche Texte und legt sie beiseite.
Das ist schade, denn der Keller ist für den größten Teil davon gar nicht nötig. Er verlängert die Haltbarkeit, aber er entscheidet nicht darüber, ob es überhaupt geht. Entscheidend sind drei andere Dinge: wie sauer der Inhalt ist, wie sauber das Glas war und wo genau in der Wohnung es danach steht.
Bevor es um Methoden geht, lohnt sich eine nüchterne Frage: Wie viel Platz ist tatsächlich da? Bei uns sind es zwei Regalbretter und der Boden eines Schranks — zusammen ungefähr vierzig Gläser à 400 Milliliter. Das klingt nach viel und ist bei zwei Personen der Vorrat für etwa vier Monate, wenn zwei- bis dreimal pro Woche etwas davon auf den Tisch kommt.
Aus dieser Zahl folgt fast alles Weitere. Vierzig Gläser sind zu wenig, um damit einen Winter zu überbrücken, und mehr als genug, um sich zu überheben. Wer im ersten Jahr hundert Gläser einkocht, hat im März sechzig davon stehen und im April keine Lust mehr auf Zwetschgen.
Erst zählen, wie viele Gläser wirklich Platz haben. Dann so viel einkochen und keines mehr. Der häufigste Fehler ist nicht zu wenig Vorrat, sondern zu viel.
Hier muss ein Abschnitt stehen, der in gemütlich geschriebenen Einkoch-Texten oft fehlt, und er ist der wichtigste im ganzen Artikel.
Einkochen im Wasserbad — also Gläser in einem Topf oder im Backofen auf etwa 90 bis 100 °C erhitzen — ist nur für säurehaltige Lebensmittel ein sicheres Verfahren. Dazu gehören die meisten Obstsorten, alles in Essig Eingelegte und Zubereitungen mit ausreichend Zitronensaft.
Für säurearmes Gemüse gilt das ausdrücklich nicht. Bohnen, Möhren, Erbsen, Kürbis, Mais und Pilze erreichen im Wasserbad nicht die Temperatur, die nötig wäre, um die Sporen von Clostridium botulinum zuverlässig abzutöten. Diese Sporen überleben 100 °C und vermehren sich anschließend genau dort, wo sie es am liebsten haben: luftdicht verschlossen, feucht, ohne Säure. Das entstehende Gift ist geruchlos und geschmacklos, und man sieht es dem Glas nicht an.
Sicher wäre dafür nur ein Druckeinkocher, der über 100 °C hinauskommt. Solche Geräte sind in Nordamerika verbreitet und im deutschsprachigen Raum kaum zu bekommen. Wer keinen hat, hat drei ehrliche Möglichkeiten: säurearmes Gemüse einfrieren, es fermentieren, oder es sauer einlegen — also mit so viel Essig, dass es in den sicheren Bereich rutscht.
Das ist keine übertriebene Vorsicht, sondern der Grund, warum die folgenden Abschnitte so aufgebaut sind, wie sie aufgebaut sind. Wir kochen Obst ein, legen Gemüse sauer ein oder fermentieren es — und alles andere landet im Gefrierfach.
Obst und Eingelegtes ins Wasserbad. Säurearmes Gemüse niemals — das kommt ins Gefrierfach, ins Fermentierglas oder in Essig.
Einkochen im Backofen. Für Obst das bequemste Verfahren, weil man keinen großen Topf braucht. Die gefüllten Gläser kommen in die Fettpfanne, diese wird zwei Zentimeter hoch mit Wasser gefüllt, und bei 160 bis 175 °C wartet man, bis in den Gläsern Bläschen aufsteigen. Dann Ofen aus, Tür zu, dreißig Minuten stehen lassen. Der Vorteil gegenüber dem Topf: Es passen mehr Gläser hinein und nichts kippt um.
Fermentieren. Das unterschätzteste Verfahren für Wohnungen, weil es weder Hitze noch Spezialgerät braucht — nur Salz, Wasser und ein Glas. Weißkohl, Möhren, Rote Bete und Bohnen werden in einer Salzlake von etwa zwei Prozent innerhalb von einer bis drei Wochen sauer. Dabei entsteht die Säure, die vorher gefehlt hat, und genau das macht das Ergebnis haltbar. Danach hält es im Kühlschrank Monate.
Einfrieren. Unromantisch und trotzdem für säurearmes Gemüse die vernünftigste Lösung. Wichtig ist nur, vorher kurz zu blanchieren — zwei bis drei Minuten in kochendem Wasser, dann in Eiswasser. Ohne diesen Schritt arbeiten Enzyme im Gemüse weiter und machen Farbe und Geschmack innerhalb weniger Monate kaputt.
Hier gibt es zwei Lager, und beide funktionieren — aber nicht gleich lange und nicht gleich zuverlässig.
Twist-off-Gläser, also die Schraubgläser aus dem Supermarkt, kann man mehrfach verwenden. Die Gläser selbst halten praktisch ewig; der Schwachpunkt sind die Deckel. In deren Innenseite sitzt eine Dichtungsmasse, die beim ersten Öffnen eingedrückt wird. Ein zweites Mal dichtet sie meist noch, ein drittes Mal oft nicht mehr. Deckel mit Kratzern, Beulen oder Rost gehören ausgetauscht — sie sind der häufigste Grund für ein Glas, das nach zwei Wochen aufgeht.
Weckgläser mit Gummiring und Klammern sind teurer und in der Handhabung ehrlicher: Der Gummiring ist ein Verschleißteil, und man sieht ihm an, wann er getauscht werden muss — er wird hart, verfärbt sich und federt nicht mehr zurück. Ein Ring pro Jahr und Glas ist ein realistischer Ansatz.
Für beide gilt derselbe Test: Nach dem Abkühlen muss der Deckel fest sitzen und beim Twist-off-Glas nach innen gewölbt sein. Klickt er beim Draufdrücken, hat das Glas nicht geschlossen. Dann kommt es in den Kühlschrank und wird innerhalb weniger Tage gegessen — nicht ins Regal.
Wir beschriften jedes Glas mit Inhalt und Monat, direkt auf den Deckel. Ohne Datum steht nach zwei Jahren Vorrat im Regal, den niemand mehr anfasst, weil sich keiner traut.
Der Keller ersetzt sich nicht durch einen Ort, sondern durch das Vermeiden der falschen Orte. Drei Dinge schaden: Licht, Wärme und Temperaturschwankungen.
Brauchbar sind ein Schlafzimmerschrank an einer Außenwand, der Boden einer Speisekammer, eine Kiste unter dem Bett oder ein Regal im unbeheizten Flur. Ungeeignet sind der Schrank über dem Herd, jede Fläche neben einem Heizkörper und alles, worauf direkt die Sonne fällt. Ein Fensterbrett ist der schlechteste Platz überhaupt, obwohl gefüllte Gläser dort am besten aussehen.
Zwei Grad Unterschied im Jahresmittel verkürzen die Haltbarkeit spürbar. Wer nur einen warmen Platz hat, kocht besser weniger ein und rechnet mit sechs bis neun Monaten statt mit zwei Jahren. Das ist immer noch mehr als genug, um von der Pflaumenschwemme im September bis in den Frühling zu kommen.
Wer noch nie eingekocht hat, sollte nicht mit zwanzig Gläsern anfangen, sondern mit vier. Zwetschgen im Juli oder August sind dafür der beste Einstieg: Sie sind sauer genug, um sicher zu sein, sie kosten in der Saison fast nichts, und man merkt beim ersten Öffnen sofort, ob es funktioniert hat.
Wann was in großen Mengen und günstig verfügbar ist, steht im Saisonkalender — die Frischezeiten dort sind genau die Wochen, in denen sich Einkochen rechnet. Für den Anfang reicht ein einziger Markttag im Spätsommer und ein Nachmittag in der Küche.
Und wenn danach vier Gläser im Regal stehen und dicht sind, weiß man mehr über das eigene Verfahren als aus jeder Anleitung. Auch aus dieser.
Nikolas Thiele
Hat für diesen Text vierzehn Gläser eingekocht und bei dreien den Deckel falsch aufgesetzt.
Was im Schrank stehen muss, damit spontanes Kochen ohne Einkauf funktioniert.