Wie viel Vorrat in einer normalen Stadtwohnung realistisch ist.
Spontan zu kochen scheitert selten am Können. Es scheitert daran, dass eine Kleinigkeit fehlt und der ganze Plan deshalb nicht aufgeht.
Es gibt einen Abend, den vermutlich jeder kennt. Man kommt nach Hause, hat keine Lust einzukaufen, öffnet den Schrank — und findet Nudeln, eine Dose Kichererbsen und sonst nichts, woraus sich ein Essen bauen ließe. Am Ende gibt es Brot mit Butter.
Interessant daran ist, dass der Schrank in solchen Momenten selten leer ist. Er ist nur falsch gefüllt. Es stehen Dinge darin, die für ein bestimmtes Rezept einmal gebraucht wurden und seitdem warten: die Flasche Reisessig, die Packung Kokosmilch, das Glas mit dem eingelegten Grünzeug, von dem niemand mehr weiß, wann es geöffnet wurde.
Was fehlt, sind dagegen fast immer dieselben zehn Dinge. Wir haben eine Zeitlang mitgeschrieben, was beim spontanen Kochen wirklich verbraucht wird — nicht was nach einer guten Vorratsliste aussieht, sondern was leer wird und deshalb nachgekauft werden muss. Das ist die Liste.
Zwiebeln. Der unspektakulärste Posten und mit Abstand der wichtigste. Fast jedes herzhafte Gericht auf dieser Seite beginnt damit, dass etwas Zwiebelartiges in Fett weich wird. Zwiebeln halten luftig und trocken gelagert zwei bis drei Monate — nicht im Kühlschrank und nicht neben Kartoffeln, weil beide Feuchtigkeit abgeben und sich gegenseitig verderben.
Knoblauch. Gilt dasselbe. Zwei Zehen retten ein Gericht, das sonst nach nichts schmeckt, und in den Roggenbröseln zum Kürbis sind sie der eigentliche Grund, warum die Brösel funktionieren. Wir kaufen ganze Knollen statt geschälter Zehen im Glas: Die halten länger und schmecken weniger nach Essig.
Ein gutes Olivenöl. Eines, nicht drei. Öl ist beim Rösten kein Geschmacksträger, sondern ein Wärmeleiter — das haben wir im Text über Röstaromen ausführlicher aufgeschrieben. Für den täglichen Gebrauch reicht eine mittlere Qualität in großer Flasche völlig. Das teure kaltgepresste kommt erst danach aufs Essen, nicht in die Pfanne.
Zwiebel, Knoblauch, Öl, Salz und Säure. Mit diesen fünf Dingen und einem beliebigen Gemüse lässt sich immer etwas kochen, das schmeckt.
Salz in zwei Körnungen. Feines Salz zum Kochen, grobes oder Flockensalz zum Abschmecken am Ende. Das klingt nach Detailverliebtheit, ist aber praktisch: Feines Salz löst sich schnell und verteilt sich, grobes bleibt auf der Oberfläche liegen und knirscht kurz zwischen den Zähnen. Bei Roter Bete im Salzmantel ist grobes Salz sogar das Garverfahren selbst — ein Kilo davon sollte im Haus sein, wenn man so etwas spontan machen will.
Etwas Saures. Der am häufigsten fehlende Posten überhaupt. Wenn ein Gericht fertig ist und trotzdem flach schmeckt, fehlt in neun von zehn Fällen nicht Salz, sondern Säure. Ein Spritzer Essig oder Zitrone hebt alles an. Apfelessig ist der brauchbarste Allrounder, weil er mild genug für Gemüse und kräftig genug für Dressings ist. Beim Kürbis vom Blech ist der Essig am Ende kein Beiwerk, sondern der Grund, warum das Gericht nicht schwer wird.
Senf. Der unauffälligste Vielzweckposten im Schrank. Ein Teelöffel bindet jedes Dressing, ohne dass man Ei oder Sahne braucht, und er macht sich in Saucen und Marinaden nützlich, ohne dass jemand ihn herausschmeckt. Ein Glas mittelscharfer Senf hält geöffnet monatelang.
Linsen. Von allen Hülsenfrüchten die einzigen, die ohne Einweichen auskommen. Braune oder grüne Linsen sind in dreißig Minuten fertig, rote in fünfzehn und zerfallen dabei zu etwas, das man Suppe nennen kann. Damit ist eine Mahlzeit auch dann noch möglich, wenn man um halb acht anfängt und nichts vorbereitet hat.
Dosentomaten. Ganze Tomaten, nicht passierte — die kann man zerdrücken, wenn man sie fein haben will, umgekehrt geht es nicht. Ein Standardposten, der wenig kostet und den man bemerkt, sobald er fehlt.
Roggenmehl. Bei uns kein Spezialposten, sondern Grundausstattung, weil daraus das Brot ohne Kneten entsteht und auch der Boden für den Pflaumenkuchen. Roggen ist herber und nimmt süßen Belägen die Süße nicht weg. Wer nur einen Mehltyp im Haus haben will, ist mit Weizen 1050 breiter aufgestellt — wir hätten trotzdem lieber beides.
Altbackenes Brot. Kein Einkauf, sondern ein Rest — und trotzdem der Posten, der bei uns am zuverlässigsten gebraucht wird. Grob zerbröselt, in Öl mit Knoblauch dunkelbraun geröstet, bringt es Textur auf alles, was von Natur aus weich ist: Ofengemüse, Suppen, Salate. Wir sammeln Kanten in einer Papiertüte auf dem Schrank, nicht im Beutel — sonst schimmeln sie, statt zu trocknen.
Getrocknete Kräuter, aber nur zwei. Thymian und Lorbeer. Beide verlieren beim Trocknen weniger als alles andere und vertragen lange Hitze, was für Ofengerichte und Eintöpfe genau richtig ist. Getrocknete Petersilie, getrockneter Basilikum und getrockneter Schnittlauch sind dagegen verschwendetes Geld — sie schmecken nach Heu und werden mit jedem Monat schlechter.
Was frisch nach etwas schmeckt und getrocknet nach nichts, kauft man frisch oder gar nicht. Das gilt für die meisten weichen Blattkräuter.
Der zweite Teil einer Vorratsliste ist der ehrlichere. Über die Jahre haben sich bei uns Dinge angesammelt, die einmal gebraucht wurden, gut aussehen und den Schrank vollmachen, ohne dass sie je wieder in ein Gericht geraten.
Gewürzmischungen mit Namen. Alles, was nach Region oder Gericht benannt ist statt nach seinem Inhalt. Sie bestehen meist überwiegend aus Salz, altern schnell und machen jedes Gericht, in das sie kommen, gleich schmeckend. Einzelne Gewürze sind teurer pro Glas und billiger pro Essen.
Die dritte, vierte und fünfte Essigsorte. Ein milder und ein kräftiger reichen für alles, was in einer normalen Küche passiert. Der Rest steht herum und wird irgendwann entsorgt.
Spezialmehle für ein einziges Rezept. Mehl altert. Vollkornmehle enthalten den fetthaltigen Keim und werden nach einigen Monaten ranzig — man merkt es erst am fertigen Gebäck, wenn es zu spät ist. Kleine Mengen kaufen und aufbrauchen ist billiger als große Mengen wegwerfen.
Vorratsdosen-Systeme. Einheitliche Behälter sehen aufgeräumt aus und lösen kein einziges Problem. Was hilft, ist ein Zettel mit dem Öffnungsdatum auf allem, was geöffnet ist. Was nicht hilft, sind zwölf identische Gläser, in denen man nicht mehr erkennt, was drin ist.
Alle zehn Posten zusammen füllen bei uns ungefähr ein Regalbrett und zwei Kisten. Das ist weniger, als die Liste vermuten lässt, weil fast alles davon in kleinen Mengen gekauft und regelmäßig aufgebraucht wird. Ein Vorrat, der nicht rotiert, ist kein Vorrat, sondern Lagerung.
Der Unterschied zeigt sich an einem einfachen Test: Wenn man einen Posten seit über einem Jahr besitzt und nicht sagen kann, wann er zuletzt benutzt wurde, gehört er nicht auf die Liste. Bei uns sind auf diese Weise über die Zeit deutlich mehr Dinge verschwunden, als hinzugekommen sind.
Nikolas Thiele
Hat für diesen Text den halben Vorratsschrank ausgeräumt und ein Drittel davon nicht wieder eingeräumt.
Wie viel Vorrat in einer normalen Stadtwohnung realistisch ist.